von Gastautor RA Marian Härtel | 18.12.2023
Ein Praxisbericht zur Nutzung künstlicher Intelligenz in der Vertragsgestaltung
Im Zeitalter der Digitalisierung erlebt die juristische Branche eine bemerkenswerte Transformation, angetrieben durch fortschrittliche Technologien wie künstliche Intelligenz (KI). Ein führendes Beispiel für diese Entwicklung ist der JURA KI Assistent von RA-MICRO, der die Effizienz und Präzision in der Rechtspraxis revolutioniert. Dieser Beitrag beleuchtet, wie KI-Tools die Vertragsausarbeitung erleichtern und bietet Einblicke in die praktischen Erfahrungen mit dieser zukunftsweisenden Technologie.
In der juristischen Praxis ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Vertragsausarbeitung ein zunehmend diskutiertes Thema. Als Anwälte stehen wir oft vor der Herausforderung, effizient und präzise zu arbeiten, während wir gleichzeitig die neuesten technologischen Entwicklungen im Auge behalten. Die Integration von KI in die Erstellung von Vertragsmustern ist ein Schritt, der diese Herausforderungen adressiert und gleichzeitig neue Perspektiven eröffnet.
Historisch gesehen hat kaum ein Anwalt jemals einen Vertrag auf einem leeren Blatt Papier oder einem leeren Word-Dokument begonnen. Wir haben uns auf Muster, Vorlagen und frühere Entwürfe gestützt, um Zeit zu sparen und sicherzustellen, dass alle rechtlichen Aspekte abgedeckt sind. Der Einsatz von KI-Systemen in diesem Prozess ist lediglich eine Erweiterung dieser Praxis. Diese Systeme nutzen Daten und Algorithmen, um uns effiziente und kohärente Entwürfe zu liefern, die wir dann anpassen und verfeinern können.
Einige Anwälte befürchten, dass Mandanten den Einsatz von KI-Tools negativ aufnehmen könnten oder dass diese Technologie unsere Rolle als Rechtsberater ersetzen könnte. Diese Befürchtungen sind jedoch weitgehend unbegründet. Mandanten suchen Rechtsberatung nicht wegen der Fähigkeit, Text zu tippen, sondern wegen der jahrelangen Erfahrung und des Fachwissens, das wir in die Ausarbeitung und Anpassung von Verträgen einbringen. Es ist unsere Expertise, die den Wert unserer Dienstleistung ausmacht, nicht die manuelle Erstellung von Dokumenten.
Tatsächlich könnten Sparfüchse unter den Mandanten bereits jetzt auf kostenlose Vertragsgeneratoren oder Vorlagen von Institutionen wie der IHK zurückgreifen. Doch der wahre Wert eines Anwalts liegt nicht im bloßen Erstellen eines Vertrags, sondern im Verständnis der Nuancen und im Anpassen des Vertrags an die spezifischen Bedürfnisse und Risiken des Mandanten. Ein generischer Vertrag kann niemals die individuellen Anforderungen eines spezifischen Falles vollständig abdecken. Zudem haftet niemand für die Korrektheit kostenloser Vertragsmuster, was ein erhebliches Risiko für den Mandanten darstellt.
Die Verwendung von KI in der Vertragsausarbeitung sollte also als eine Erweiterung unserer Fähigkeiten gesehen werden. Diese Technologie ermöglicht es uns, effizienter zu arbeiten und uns auf die Aspekte zu konzentrieren, die menschliches Urteilsvermögen und Erfahrung erfordern. Sie hilft uns, schneller auf die Bedürfnisse unserer Mandanten zu reagieren und gleichzeitig die Qualität unserer Arbeit zu erhöhen.
Es ist auch wichtig zu betonen, dass die Verantwortung für die Endfassung eines Vertrags weiterhin bei uns liegt. KI-Tools können Vorschläge machen und Entwürfe generieren, aber sie können nicht das kritische Denken und die juristische Expertise ersetzen, die für die Anpassung dieser Entwürfe an die spezifischen Umstände eines Falles erforderlich sind. Unsere Rolle als Anwälte wird durch diese Technologie nicht gemindert, sondern vielmehr gestärkt.
In meiner eigenen Praxis beginne ich oft Verträge mit der Unterstützung von KI. Dabei entwickle ich einen guten Prompt, was durchaus einige Zeit in Anspruch nehmen kann. Dieser Prozess ist entscheidend, denn er bestimmt, wie das KI-System den Entwurf strukturiert und formuliert. Nachdem der erste Entwurf generiert wurde, folgt ein intensiver Anpassungsprozess durch Überarbeitung, Korrektur und Erweiterung des Textes, um sicherzustellen, dass er genau den Anforderungen und Wünschen meiner Mandanten entspricht.
Der wichtigste Grund für die Nutzung von KI in meiner Arbeit ist, dass ich sie als ein Large Language Model (LLM) einsetze, und nicht als ein Research-Tool. KI kann Text nach meinen Vorgaben formulieren, aber sie kann nicht mein Wissen oder die spezifischen Inhalte, die ich im Text haben möchte, erraten. Die KI dient als Ausgangspunkt und als Werkzeug zur Effizienzsteigerung, aber die endgültige Verantwortung und das Feintuning liegen immer bei mir als Anwalt. Mein Einsatz von KI beschränkt sich daher auf Bereiche, in denen ich tiefgreifendes Wissen und Erfahrung habe, was mir ermöglicht, die von der KI generierten Entwürfe effektiv zu überprüfen und anzupassen.
Diese selektive und bewusste Nutzung von KI unterstreicht die Bedeutung des menschlichen Faktors in der Rechtsberatung. KI ist ein mächtiges Werkzeug, das unsere Arbeit unterstützen und verbessern kann, aber es ersetzt nicht das kritische Denken, die Erfahrung und das Fachwissen, das wir als Anwälte in unsere Arbeit einbringen.
Abschließend lässt sich sagen, dass der Einsatz von KI in der Vertragsausarbeitung eine positive Entwicklung für die juristische Praxis darstellt. Sie bietet uns die Möglichkeit, unsere Dienstleistungen effizienter und effektiver zu gestalten, ohne die Qualität und Personalisierung zu beeinträchtigen, die unsere Mandanten erwarten. Als Anwälte sollten wir diese Technologie als das betrachten, was sie ist: ein Werkzeug, das unsere Fähigkeiten erweitert und uns dabei unterstützt, unseren Mandanten den bestmöglichen Service zu bieten.
Übrigens bin ich so überzeugt von den Vorteilen, die KI für uns Anwälte bietet, dass ich aktiv andere Kanzleien bei der Implementierung von KI in ihren Anwaltsalltag unterstütze und berate. Diese profitieren von den Erkenntnissen und Best Practices, die ich im Laufe der Zeit gesammelt habe, und können so die Hürden und Fallstricke umgehen, die mit der Einführung neuer Technologien einhergehen können.
Insgesamt zeigt meine Erfahrung und die Beratung anderer Kanzleien, dass KI ein wertvolles Instrument für die Rechtspraxis sein kann, wenn es richtig eingesetzt wird. Es geht nicht darum, die menschliche Komponente zu ersetzen, sondern vielmehr darum, unsere Fähigkeiten zu erweitern und uns zu ermöglichen, effizienter und effektiver zu arbeiten. Der Schlüssel liegt darin, KI als Ergänzung zu sehen und sie in Bereichen einzusetzen, in denen sie unsere Arbeit unterstützen kann, ohne dabei die Bedeutung unseres Fachwissens und unserer Erfahrung zu untergraben.
Dieser Praxisbericht wurde mitgeteilt von Marian Härtel, Rechtsanwalt und Unternehmer mit den Schwerpunkten Urheberrecht, Wettbewerbsrecht und IT/IP. Er bloggt regelmäßig auf seiner Homepage itmedialaw.com.
