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Fachkräftemangel in Kanzleien: Ein Rückblick zur Online-Veranstaltung

von Nasita Zare-Moayedi und René Kurtkowiak | 25.06.2021

Letzte Woche stellten sich Experten und interessierte Teilnehmer – größtenteils aus den betroffenen Berufsgruppen – die spannende Frage, wie man dem Fachkräftemangel in Kanzleien begegnen kann.

Im online Veranstaltungsformat einer Fishbowl-Diskussion lud RA-MICRO zum Austausch über das wichtige Thema des Fachkräftemangels in Kanzleien. Die beiden Moderatoren Politikwissenschaftlerin Nasita Zare, Leiterin der RA-MICRO Landesrepräsentanz Nord (Kiel) und Wirtschaftspsychologe, Betriebswirt und Rechtsfachwirt René Kurtkowiak, Leiter der Landesrepräsentanz West (Düsseldorf), führten durch die einstündige online Veranstaltung, an der Interessierte kostenfrei teilnehmen konnten.

Bereits die bloßen Zahlen zeigen, hier besteht Handlungsbedarf: Die Anzahl der Abschlüsse im Beruf der Rechtanwaltsfachangestellten lag 2020 bei 2.697 und hat sich seit 1998 damit halbiert (5.766). Hingegen ist die Zahl der Berufsträger im selben Zeitraum von 91.516 auf 165.901 stark angewachsen. Die Lücke zwischen fertig ausgebildeten Fachkräften und zugelassenen Berufsträgern könnte größer kaum noch sein.

Dies bestätigt auch Rechtsanwältin Nicola Kreutzer, die derzeit zwei Auszubildende beschäftigt. „Es ist sehr schwer, überhaupt Mitarbeiter zu finden.“ Maßnahmen, um diesem Problem entgegen zu wirken sind in Düsseldorf in Planung. So sollen die Gehälter in der Ausbildung angehoben und die Prüfungsgebühren reduziert werden, schildert Kreutzer, die zudem im Vorstand des Düsseldorfer Anwaltvereins und der Rechtsanwaltskammer Düsseldorf aktiv ist.

Die aktuelle Situation weiß auch Rechts- und Notarfachwirtin Ronja Tietje zu bestätigen. „Die Zeichen der Zeit wurden zu spät erkannt“, so Tietje, die Vorstandsmitglied der Deutschen Vereinigung der Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten e. V. ist. Jetzt erwarte man ein Wunder, was so schnell natürlich nicht passieren wird. Tietje mahnt, dass versäumt wurde, den Beruf attraktiv darzustellen, so zum Beispiel bei der Agentur für Arbeit. Dabei ist es ein sehr anspruchsvoller Beruf für den wichtige Kompetenzen benötigt werden.

Rechtsanwalt Bernd Spengler, Fachanwalt für Arbeitsrecht, fände es wichtig, bereits in der Schulzeit entsprechende Anreize für die juristische Branche zu setzen. Während andere klassische Berufe im Bereich Finanzen oder Versicherungen den Schülern schmackhaft gemacht werden, finden wichtige Berufe rund um die Kanzlei gar nicht statt, so seine Erfahrung. Hinzu kommt, dass der Anwalt als Arbeitgeber oft als nicht attraktiv empfunden wird und daher ein negatives Image bei den Fachkräften hat.

Eine mögliche Ursache wird von Ronja Tietje in den fehlenden Schwerpunkten Betriebs- und Personalführung während der juristischen Ausbildung vermutet. Beide Anwälte der Diskussionsrunde können dies bestätigen. Employer Branding kann hier ansetzen, weiß Wirtschaftspsychologe René Kurtkowiak. Präsentiert sich die Kanzlei als starker und attraktiver Arbeitgeber und lebt dies auch, profitieren alle Beteiligten. Wird ein wertschätzender Umgang mit allen Mitarbeitern gepflegt, wirkt sich das natürlich auf das Betriebsklima aus.

Wie kann das in der Praxis aussehen? Rechtsanwältin Kreutzer überlässt beispielsweise ihren Mitarbeitern die Einteilung der Arbeitszeiten. Das funktioniert in ihrer Kanzlei sehr gut. Vertrauen und Wertschätzung auf Arbeitgeberseite haben einen entscheidenden Einfluss auf die Motivation der Mitarbeiter, resümiert Moderatorin Nasita Zare.

Eine Teilnehmerin ergänzt zudem aus ihrer Erfahrung: auch das Eigenbild der Kanzlei spielt eine große Rolle. Vielen Kanzleien sei das nicht bewusst, sie kennen ihr Sinnbild nicht. Nur wenn eine Kanzlei weiß wofür sie steht und wo sie hinwill, kann dies auch von allen Mitarbeitern mitgetragen werden. Ein Teilnehmer äußert sich im Chat zudem zum Thema Arbeitsorganisation. Nur wenn realistisch zu erfüllende Ziele gesetzt werden, wird ein Mitarbeiter diese auch motiviert angehen.

Einen weiteren wichtigen Punkt ergänzt Rechtsanwalt Spengler: Die Fachangestellten haben häufig den meisten Kontakt mit den Mandanten und erledigen sehr wichtige Aufgaben. Die entsprechende Vorstellung des Personals auf der Kanzleiwebsite sei dabei ein Zeichen nach innen und außen: meine Angestellten sind genauso wichtig wie der Anwalt selbst. Damit schließt er die Veranstaltung mit einem wichtigen Gedanken.     

Welche konkreten weiteren Maßnahmen ergriffen werden können, um den Beruf für die potenziellen Fachangestellten attraktiver zu machen, soll in einer Anschlussveranstaltung besprochen werden. In einem zweiten Teil möchten wir ganz konkrete Maßnahmen besprechen. Hier sollen mögliche Optimierungen im Employer Branding zur Steigerung der Attraktivität u. a. der ReNo-Berufe erörtert werden.

Save the Date: 22.09.2021 – 15.00 Uhr bis 16.00 Uhr